Judo in Wien – Wie alles begann
- Avid Vormann

- 26. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Wer heute in Wien ein Dojo betritt, eine saubere Tatami sieht und Kinder in weißen Judogi beim Angrüßen beobachtet, ahnt kaum, wie improvisiert alles begann. Kein festes Prüfungswesen. Keine Landesverbände. Keine Weltmeisterschaften. Nur Enthusiasten, Ringermatten – und eine Idee aus Japan. Die Geschichte des Judo in Wien ist keine Randnotiz des österreichischen Sports. Sie ist sein Fundament.
Bevor es „Judo“ hieß
In den 1920er-Jahren sprach man in Wien noch überwiegend von Ju-Jitsu. Mehrere Schulen und Vereine entstanden in dieser Zeit, darunter 1919 eine Schule von Franz Sager im 4. Bezirk. 1928 folgte die Gründung des 1. Österreichischen Jiu-Jitsu-Klubs (1. ÖJJK) in der Taborstraße durch Ottokar Klimek und Edmund Gabriel (Vereinschroniken, u. a. DSG Yawara-michi Austria). Europa war damals fasziniert von japanischer Selbstverteidigung. Doch parallel entwickelte sich in Japan längst ein moderneres System: Judo, begründet von Jigoro Kano am Kodokan in Tokio.
Und dann kam Kano nach Wien.
1933: Der Begründer des Judo in Wien
Gesichert ist: Jigoro Kano war im November 1933 in Wien, als IOC-Mitglied bei einer Sitzung im Rahmen der Olympiabewerbung Tokios (Japanese Olympic Committee).
Österreichische Vereinschroniken berichten darüber hinaus von Judo-Demonstrationen Kanos in Wien, unter anderem im Umfeld des 1. ÖJJK und bei der Wiener Polizei in der Marokkaner-Kaserne. Ob jede einzelne Episode im Detail rekonstruierbar ist, bleibt quellenkritisch schwierig – doch die zeitliche Überschneidung ist plausibel und wird konsistent in mehreren Darstellungen erwähnt.
Man darf sich das nicht wie eine Großveranstaltung vorstellen. Eher wie einen Moment: Ein japanischer Pädagoge demonstriert Würfe, erklärt Prinzipien wie Seiryoku Zen’yō und Jita Kyōei – und eine kleine Wiener Szene beginnt zu verstehen, dass hier mehr entsteht als nur Selbstverteidigung.
Der Krieg – und ein Neuanfang auf harten Matten
Der Zweite Weltkrieg unterbrach die Entwicklung. Nach 1945 musste praktisch alles neu aufgebaut werden. Eine der entscheidenden Keimzellen war die Polizeisportvereinigung Wien. 1946 entstand dort eine Judo-Sektion. Trainiert wurde unter einfachen Bedingungen - teilweise auf Ringermatten, die vor jedem Training neu aufgelegt werden mussten.
Trotzdem wurden bereits 1946/47 österreichische Meistertitel errungen. Namen wie Prosper Buchelle, Franz Neubauer oder Leopold Korner tauchen in den frühen Erfolgslisten auf. Es war eine kleine Szene – aber sie war ehrgeizig.
Wien hatte wieder Judoka.
1947: Die eigentliche Geburtsstunde
Der entscheidende Schritt passierte nicht auf der Matte, sondern am Tisch.
Am 30. September 1947 trafen sich in Wien führende Vertreter der jungen Szene – darunter Franz Nimführ, Josef Kühr und Prosper Buchelle – um einen österreichweiten Verband zu gründen. Am 2. Dezember 1947 wurde die Gründung des Österreichischen Amateur Judo Verbandes (ÖAJV) offiziell genehmigt. Anfang 1948 nahm der Verband seine Tätigkeit auf.
Damit begann die organisierte Judogeschichte Österreichs – mit Wien als Zentrum
Wien wird Struktur
1959 wurde schließlich der Judo-Landesverband Wien gegründet. Er war nach Oberösterreich und der Steiermark der dritte Landesverband Österreichs. Erster Präsident: Ivan Welter.
Das war mehr als Bürokratie. Es bedeutete:
geregeltes Prüfungswesen
strukturierte Meisterschaften
Trainerentwicklung
institutionelle Anerkennung
Wien wurde zur administrativen Drehscheibe des ostösterreichischen Judosports.
1975: Die Welt kommt nach Wien
Vom improvisierten Nachkriegstraining zur Weltbühne - es dauerte nicht einmal drei Jahrzehnte. Vom 23. bis 25. Oktober 1975 fanden in der Wiener Stadthalle die Judo-Weltmeisterschaften statt. 45 Nationen, 274 Athleten.
Für die Wiener Szene war das ein Ritterschlag. Judo war endgültig kein exotischer Import mehr. Es war internationaler Spitzensport – mitten in Wien.
Warum Wien so wichtig war
Wien hatte mehrere Vorteile:
frühe Ju-Jitsu-Tradition
institutionelle Strukturen (Polizei, Sportverbände)
ausreichend große Szene für nachhaltigen Aufbau
politische und organisatorische Nähe zu nationalen Entscheidungen
Ohne Wien hätte sich Judo in Österreich vermutlich langsamer, fragmentierter und weniger koordiniert entwickelt.
Vom Ringermatten-Training zum modernen Dojo
Heute trainieren tausende Judoka in Wien. Leistungszentren, Nachwuchsprogramme, internationale Turniere – all das wirkt selbstverständlich.
Doch der Weg begann mit wenigen Idealisten, die in der Nachkriegszeit beschlossen, eine japanische Idee in Wien dauerhaft zu verankern.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Essenz von Judo in Wien: Nicht die Medaillen. Nicht die Weltmeisterschaften. Sondern die Beharrlichkeit.





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